Merkmale und Hochbegabtenprofil

Die Forschungsergebnisse zum Thema Hochbegabung klaffen weit auseinander. Manche Wissenschaftler schließen aus ihren Studien, dass Hochbegabte „gut integriert und schulisch erfolgreich sowie sozial unauffällig, psychisch besonders stabil und selbstbewußt“ sind   (s. Rost, 2000, S.204). Andere sehen bestätigt, dass Hochbegabte unter starken sozialen und emotionalen Belastungen leiden und ein hohes Erkrankungsrisiko aufweisen (vgl. z.B. Lofgreen & Larson, 1992, S. 172). Die Debatte ist emotionalisiert und politisiert und zeigt meiner Ansicht nach grundlegende Probleme der psychologischen Forschung auf.

Beide Aussagen sind meiner Erfahrung nach zu pauschal und helfen in der Praxis wenig weiter.
Die Probleme entstehen meiner Ansicht nach dadurch, dass Hochbegabung auf den bloßen IQ-Wert reduziert wird und die unterschiedlichen Umfelder von Hochbegabten nicht in die Betrachtung einfließen. Das Wesen und die Dynamiken der Hochbegabung werden so nicht ausreichend erfasst und die Individualität von Hochbegabten bekommt keinen Raum.

Deshalb habe ich nach einer Möglichkeit gesucht, Hochbegabung so zu beschreiben, dass die Art und das Erleben des einzelnen Hochbegabten abgebildet werden kann, Dynamiken nachvollziehbar werden und individuelle Lösungsideen entstehen.

Hierfür habe ich die mit einer hohen Intelligenz einhergehenden kognitiven, sozialen und physiologischen Merkmale und Ressourcen zusammengestellt und die damit möglicherweise einhergehenden Herausforderungen abgeleitet. Diese Herangehensweise bietet die Möglichkeit, ein individuelles Profil zu erstellen und gezielte Strategien zu entwickeln.

Das Arbeitsblatt zur Profilerstellung finden Sie am Ende des Artikels als Download.

Weiterhin finden Sie hier einen kostenfreien Vortrag zu dem Thema.

Merkmale, die mit einem hohen IQ einhergehen Mögliche Herausforderungen
Schnelles und komplexes Denken Der HB ist oft nicht ausreichend angeregt und es kommt zu Langeweile und Unterforderung.  Hierbei ist wichtig zu wissen, dass Unterforderung physiologisch den gleichen Stress hervorruft wie Überforderung.
Hohe logisch-analytische Fähigkeiten Unlogisches wird nicht akzeptiert. Sachverhalte werden möglicherweise verkomplexisiert. Hierdurch können Entscheidungsschwierigkeiten entstehen.
Visuell-perzeptiver Denk- und Lernstil Hierdurch erschließen sich HB Themen oft mosaikhaft: Sie springen von einer Information zur anderen und stellen währenddessen Beziehungen und Relationen her. Sie sind so lange aktiviert, bis alle Informationen in ein stimmiges System gebracht sind. Dies führt dazu, dass Sie sich oft sehr tief in Themen einarbeiten, wie „besessen“ sein können und/oder erst wieder ruhig werden und das Interesse verlieren, sobald alle Relationen stimmen. Hierdurch wird das Thema in der Tiefe erfasst, aber der Prozess ist von außen schwer nachzuvollziehen und kann chaotisch wirken. Wenn dem HB innere Strukturierungsmöglichkeiten fehlen, gelingt es ihm evtl. nicht mehr, die Informationen zusammenzuführen. Dann besteht eine Nähe zur ADHS-Symptomatik.
Intensive Konzentrationsfähigkeit,
lange Aufmerksamkeitsspanne,
Ausdauer
Der HB ist teils so vertieft, dass er auf Außenreize nicht mehr reagiert und abwesend und verträumt wirkt. Weiterhin kann es sein, dass er sich auf ein Thema fixiert.
Imaginationsneigung und Synästhesien Durch die außergewöhnliche hohe Vernetzung im Gehirn werden Reize vielfältig verknüpft und es entstehen vermehrt innere Bilder. Etliche Hochbegabte berichten Synästhesien. Bei Synästhesien verschmelzen Reizqualitäten. Zahlen sind z.B. mit Farben oder Tönen verknüpft. Diese Phänomene werden manchmal mit pathologischen Symptomen wie z.B. Wahnvorstellungen oder einem intensiven Bedürfnis nach einem imaginären Freund verwechselt und der HB wird pathologisiert.
Mustersuche und Abstraktionsfähigkeit Hiermit können Phänomene wie Zwanghaftigkeit, Rechthaberei oder Prinzipienreiterei einhergehen.
Divergentes Denken/Kreativität Hierdurch wird der HB evtl. nicht verstanden oder, wenn die Ideen zu ungewöhnlich oder weitreichend sind, abgelehnt.
Sehr gute Gedächtnisleistung Diese kann mit Ungeduld und einer Ablehnung von Routine einhergehen und die Aneignung von Grundfertigkeiten und Lernstrategien behindern.
Geringer Übungsbedarf Hierdurch erwerben manche HB keine oder nur wenig Kenntnis und Erfahrung im Hinblick auf Lernprozesse. Dies erschwert ebenso wie die Ablehnung von Übung und Routine die Aneignung von Grundfertigkeiten und Lernstrategien.
Hohe sprachliche Fähigkeiten Der HB wirkt evtl. besserwisserisch und kann sich in Diskussionen sehr gut durchsetzen und dominieren. Dadurch macht er sich unbeliebt und wird gemieden.
Auch wird er z.B. von Gleichaltrigen oft nicht verstanden oder versteht Aussagen viel differenzierter, was zu Missverständnissen führt.
Die teils sehr differenzierten Witze und der Humor werden manchmal ebenfalls nicht verstanden und der HB fühlt sich außen vor.
Kritisches Denken Dies kann zu übermäßig häufigem und für andere unangenehmem oder bloßstellendem Hinterfragen führen. Auch „entzaubern“ manche HB dadurch nett gemeinte Situationen und Interaktionen, kritisieren außergewöhnlich oft oder sind vermehrt unzufrieden. Dies kann für das Gegenüber frustrierend sein.  
Wissbegierde, Interessiertheit Es droht die Gefahr, dass der HB sich und andere überfordert. 
Intrinsische Motivation Das ureigene Interesse an intellektuellem Durchdringen kann im Perfektionismus enden.
Offenheit und Unabhängigkeit Die Wissbegierde und das schnelle und logische Denken überschreiten oft den Rahmen der Konvention. Der HB fällt seine Urteile oft unabhängig und wenig beeinflusst von der Norm und ist dadurch unkonventionell und non-konformistisch. Dies kann mit Integrationsschwierigkeiten einhergehen.
Hoher Inputbedarf Da Reize schneller verarbeitet werden und Synapsen teils schneller habituieren haben HB oft einen großen „Reizhunger“ und fühlen sich nur bei ausreichendem Input entspannt und wohl. Es kann eine Herausforderung sein, die Reizvielfalt und -intensität richtig zu dosieren. Für die Interaktionspartner kann es schwer sein, den Reizhunger ausreichend zu befriedigen.
Hohes Energielevel Die starken Vernetzungen betreffen vermutlich auch die aktivierenden Hirnzentren. Viele HB zeigen ein sehr hohes Aktivitätsniveau und benötigen wenig Schlaf. Hierdurch können die Interaktionspartner, die ein niedrigeres Aktivitätsniveau haben, überfordert sein.
Hohe Sensibilität Viele HB berichten Phänomene der Hochsensibilität. Ich vermute, dass die besondere vielfältige Vernetzung zu Besonderheiten in der Reizverarbeitung führt und viele Reize deshalb intensiver wahrgenommen und verarbeitet werden. Das Phänomen wird gerade von der Forschung entdeckt und ich hoffe, dass es bald ein belastbares und umfassendes Konzept gibt.
Für Hochsensible ist die Reizdosierung eine sehr starke Herausforderung und beißt sich zum Teil mit dem Inputbedarf. Manche sind mit den einhergehenden Reizen von Menschengruppen, der Benutzung von öffentlichen Verkehrsmitteln u.ä. überfordert. Reize, die von anderen nicht oder nur gering wahrgenommen werden (z.B. leise Geräusche, Gerüche, Schmerzen, die Wirkung von Koffein) können als sehr unangenehm empfunden werden. Dies führt bei anderen häufig zu Unglauben, Fehlinterprationen („Der spinnt, stellt sich an....“) und Konflikten.
Intensive Emotionalität Dies geht meiner Erfahrung nach in vielen Fällen mit den hochsensiblen Phänomenen einher und ist evtl. ein Teil davon. Vermutlich ist auch die Amygdala, das für Emotionen zuständige Hirnareal, stärker vernetzt. Daraus können sehr intensive Gefühle und Schwierigkeiten hinsichtlich der  Emotionsregulation resultieren. Auch besteht in jungen Jahren eine Reifungsdiskrepanz zwischen kognitions- und emotionsassoziierten Hirnarealen. Ein häufiger  Beratungsgrund sind intensive Wutanfälle, existentielle Ängste oder ein so ausgeprägtes Mitgefühl, dass man sich nicht ausreichend abgrenzen kann. Hierdurch können soziale Schwierigkeiten entstehen. 
Starker Gerechtigkeitssinn Ich vermute einen Zusammenhang zur intensiven Emotionalität und der Neigung, Muster zu suchen und die Dinge auf einer abstrakten Ebene abzutragen. HB haben dadurch manchmal Schwierigkeiten, Dinge  pragmatisch anzugehen und „Fünfe mal gerade sein“ zu lassen. Auch dies geht mit einem Risiko für soziale Probleme einher.
Gefühl des Andersseins Die bewußt und unbewußt wahrgenommene Unterschiedlichkeit führt bei vielen HB zu dem für sie oft unerklärbaren Gefühl „irgendwie anders zu sein“. Wenn dieses Gefühl weitere negative Facetten wie z.B. nicht zu passen, die anderen bzw. die Welt in Ihrer Funktionsweise nicht zu verstehen o.ä.  beinhaltet, kann es sich zum sog. „Wrong-Planet-Syndrom“ ausweiten: man fühlt sich wie auf einem fremden Planeten. Nicht selten geht das Gefühl des Anderseins mit dem Erleben von Einsamkeit, Hilflosigkeit und Leidensdruck einher.
Weiterhin gibt es vielfältige Hinweise auf physiologische Korrelate. Hier finden Sie eine Auswahl:
Körperliche Merkmale Studien verweisen auf körperliche Unterschiede wie z.B. Körpergröße, höhere Körpersymmetrie, vermehrte Kurzsichtigkeit, aber auch erhöhte Lebenserwartung u.ä. (vgl. z.B. Jensen, 1998;  Brand, 1987;  Deary et al. 2008).
Erkrankungen Es gibt Hinweise auf Korrelationen zu Erkrankungen, z.B. Asperger, Allergien, Autoimmunerkrankungen, Asthma, Sprachfehler, Ticks... (vgl. z.B. Geshwin u. Galaburda, 1987; Silvermann, 2002). All diesen Erkrankungen liegen ein überschießendes Nervensystem oder Besonderheiten der Informationsverarbeitung zugrunde. Die HB sind gehäuft selbst betroffen und/oder überdurchschnittlich oft mit einem hieran erkrankten Elternteil aufgewachsen (Intelligenz wird zu 50 – 80%  vererbt). 
Autismusspektrum Es bestehen Zusammenhänge zwischen Autismus und Hochbegabung. Überdurchschnittlich viele Aspergerpatienten sind hochbegabt und bei etlichen Hochbegabten lassen sich leicht ausgeprägte Autismusphänomene beobachten. Z.B. Schwierigkeiten hinsichtlich der Reizverarbeitung (vgl. Hochsensibilität), ein starker Hang zur Logik sowie Zwänge und Defizite in der Emotionserkennung. Autismus wird in der neueren Forschung als Spektrum beschrieben. Da sich viele Phänomene decken, ist meine Hypothese, dass sich einige HBler evtl. am Anfang des Spektrums befinden und manche Schwierigkeiten auf gering ausgeprägte und nicht pathologische autistoide Besonderheiten zurückzuführen sind.
Neurophysiologische Unterschiede Hier sind z.B. eine verzögerte Kortexreduktion (vgl. u.a. Shaw 2006), Reifungsdiskrepanzen zwischen kognitions- und emotionsassozierten Hirnarealen (vgl. u.a. Geake 2008), chemische Veränderung an den Synapsen, die mit erhöhter Wachheit, Sensitiverung, Habituation und Infoverarbeitung einhergehen (vgl. Teuchert-Nood) zu nennen. Dies erklärt ebenfalls Phänomen wie Emotionsregulationsschwierigkeiten, Langeweile und ADHS.
Hormonelle Unterschiede In der Forschung hat man u.a. Hinweise auf einen vorgeburtlich androgynen Testosteronspiegel gefunden (vgl. Geschwind und Gaburda, 1987).
In meiner Praxis hatte ich mittlerweile mehrere HB, die asexuell waren oder eine Geschlechtsumwandlung anstreben oder haben vornehmen lassen. Ich habe den Eindruck, dass viele Hochbegabte sehr weiche Gesichtszüge haben und deutlich jünger aussehen, als sie sind. Evtl. ist auch dies in hormonellen Unterschieden begründet.

Nach dieser Zusammenschau sollte Hochbegabung meiner Ansicht nach als neurophysiologisches Set begriffen werden, welches einen individuellen und ganzheitlich – dynamischen Beratungsansatz erfordert.

Ebenso wird deutlich, dass die dargestellten Merkmale und Herausforderungen sehr vielfältig sind. Sie können bei jedem einzelnen Hochbegabten in unterschiedlicher Kombination und Intensität auftreten. Deshalb ist es sinnvoll, ein individuelles Profil zu erstellen.

Bei diesem wird eingeschätzt

  • wie sehr ein Merkmal vorhanden ist
  • inwieweit es eine Ressource darstellt

und

  • wie hoch die damit einhergehende Herausforderung für die Person ist.

Hierbei sind vielfältige Kombinationen möglich:
Es kann z.B. sein, dass eine Merkmal intensiv ausgeprägt ist und nur eine Ressource, aber keine Belastung darstellt (dies ist z.B. häufig bei der Imaginationsneigung der Fall).
Es kann auch sein, dass ein Merkmal mittelmäßig ausgeprägt ist, als Ressource kaum entfaltet wird, aber als sehr belastend empfunden wird (dies kommt z.B. häufig bei der Hochsensibilität vor).

Ein Tipp für HB, die das Profil für sich selber erstellen: Da man seine eigenen Fähigkeiten und den Reizverarbeitungsstil meist als „normal“ erlebt, neigen viele zur Unterschätzung Ihrer Merkmale. Es könnte sich lohnen, die Einschätzung mit anderen Personen zu besprechen.

Man kann das Schema hinsichtlich der Ressourcen und Herausforderungen auch noch differenzierter nutzen:

Bei den Ressourcen kann man mit zwei unterschiedlichen Farben oder Symbolen eintragen, inwieweit die Eigenschaft als Ressource aktuell genutzt wird und wie sehr man sie nutzen könnte. Hierdurch wird deutlich, welches Potential noch entfaltet werden kann.

Bei den Herausforderungen kann man ebenfalls mit unterschiedlichen Farben oder Symbolen eintragen, wie groß die aktuelle Herausforderung ist und auf welches Maß man sie reduzieren kann. Hierdurch wird deutlich, was und wieviel man tatsächlich verändern kann und wofür man Umgangsstrategien braucht.

Natürlich kann man nicht alles ganz genau in Zahlen fassen und da mit manchen Merkmalen auch mehrere Herausforderungen einhergehen, kann man auch hierfür nochmal getrennt überlegen. Hier müssen Übersichtlichkeit und Detailliertheit abgewogen werden. Das Arbeitsblatt dient der Orientierung und bietet die Möglichkeit, die Aspekte differenziert zu besprechen und zu reflektieren. 

Die unteren sechs Spalten des Profilblattes beziehen sich auf komplexe Phänomene und Dynamiken.
Die Erklärungen hierfür finden Sie unter folgenden Icons:

Ambivalenz-
dilemma

>> Lesen Sie mehr

Narzissmus

>> Lesen Sie mehr

Selbstwert

>> Lesen Sie mehr

Fixed-
Mind-Set

>> Lesen Sie mehr

ADHS und Underachievement

>> Lesen Sie mehr

Autismus-
Spektrum

>> Lesen Sie mehr

Hier das Arbeitsblatt zur Profilerstellung:

 

Download:

Hochbegabungsprofil als PDF download.

Ich wünsche Ihnen viel Spaß und Erfolg!

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